02 Februar 2017

Sechs Frauen


Manchmal, nur ganz selten, da denke ich an die Frau im Park. An die Dame mit den orangenen Stoffschuhen mit weißen Schnürsenkeln, die jede Woche Dienstag und Donnerstag auf der Bank im Park saß. Ich denke an die Frau, die mir auch heute, etwa 20 Jahre später, noch immer in den Sinn kommt und die bestimmt schon nicht mehr lebt. Aber eines das ist vielleicht geblieben von damals, als ich mit der Frau ins Gespräch kam: Samy. Denn jeden Dienstag und jeden Donnerstag, da saß die Frau zwar allein auf der Bank, aber sie war nicht allein. Vor ihr auf der Wiese krabbelte eine wunderschöne Landschildkröte, die seit diesem Moment in mein Herz gekommen ist und somit Schildkröten eines meiner liebsten Tiere geworden sind. Die Frau hat mir so viel erzählt, mir über Tiere beigebracht. 

Ein anderes Mal dann, erinnere ich mich an die Frau in meiner zweiten Heimat, die ich kennenlernte, weil mein kleiner und doch so großer Bruder und ich so neugierig waren und kurzerhand vor dem Wohnwagen einer völlig fremden Frau haltmachten und von dem Tag an drei Wochen lang jeden Tag dorthin zu Besuch gingen. Sie erzählte mir aus ihrem Leben und ihr Mann, der leider sehr krank war, lag im Wohnwagen und hustete manchmal sehr stark. Völlig absurd, dass man in drei Wochen eine Art Oma-Enkel-Beziehung aufbauen kann. Umso trauriger waren wir, als sie eines Tages abreisten. Und eine Sache, die mir bis heute immer wieder in den Kopf gerät ist, dass die Frau, deren Namen ich heute nicht mehr weiß, ganz andere Haare hatte, denn sie hatte sich für die Heimreise zurecht gemacht. „Im Urlaub da ist man einfach nicht so gestylt, wie Zuhause.“ - damals habe ich das nicht verstanden und heute weiß ich es ganz genau, was sie damit meinte. 

"...die Gewissheit, dass wir uns immer haben und ich da sein kann."

Wenn ich mich umsehe, dann sehe ich meine Oma, in deren Haus ich seit eineinhalb Jahren mit meiner Freundin lebe und das war eine der besten Entscheidungen überhaupt. Natürlich ist es nicht immer einfach und es bedeutet auch Verantwortung zu übernehmen, mal für vergessene Einkaufe einzuspringen, den abendlichen Hundespaziergang zu machen, wenn die omalichen Knochen doch mal zu müde sind, aber im Umkehrschluss bedeutet es auch nach Hause kommen und den Duft von Plätzchen im Treppenhaus, ein zubereiteter Salat zum Mithochnehmen auf der Treppe, abendliche Gespräche bei einem Gläschen Wein und die Gewissheit, dass wir uns immer haben und ich da sein kann. Ich kann es mir nicht vorstellen, wie es sein muss, wenn man den einen Menschen nach über 50 Jahren Ehe verliert. Ich kann nur sagen, wie sehr ich bewundere, wie sie ihr neues, ganz anderes Leben, seit ein paar Jahren so meistert.       

Weiterhin gibt es meine andere Oma, die es wirklich nicht leicht hat und es niemals hatte und ich kenne keine Frau (und auch keinen Mann), der so stark ist, wie sie. Ich bewundere ihren Kampfgeist und ihr Durchhaltevermögen. Sie stand und steht für Dinge und Entscheidungen ein und sie weiß einfach alles. Vielleicht sollte ich hierzu sagen, dass sie erst Mitte 60 ist. Besonders zu Abiturzeiten hat sie mir viel geholfen und mich mit Gesprächen immer wieder auf gute Gedanken gebracht. Während die Einstellung meiner Eltern und die meiner Oma so weit auseinander gehen, habe ich immer wieder festgestellt, dass wir sehr ähnlich denken und das Gefühl ist unbeschreiblich schön!

Ohne jeden Zweifel kann ich sagen, dass meine Mama und ich ein super Verhältnis haben und alles miteinander teilen. Das war bei weitem nicht immer so, weil ich über einiges aus meinem Leben einfach geschwiegen habe. Mittlerweile weiß sie alles von mir und wir teilen unseren Alltag miteinander, hören (schreibend oder telefonisch) nahezu täglich voneinander und verstehen uns einfach richtig gut. Meine Mama hat es nicht immer einfach gehabt und hatte alles andere als eine glückliche Familie. Vielleicht hat sie sich gesagt, dass sie es besser macht. Nämlich das, was sie geschaffen hat, ist eine tolle Familie und ein Heim.

Und dann bist da du. Eine (und in nicht einmal mehr 7 Monaten „meine“) wunderbare Frau, die mit beiden Beinen im Leben steht und schon viel früher viel selbstständiger war, als ich es wahrscheinlich je sein werde. Du regelst alles und bist mein Fels in der Brandung, (m)ein Anker in diesem schnelllebigen Leben.

Es ist wunderbar sich manchmal zurückzulehnen und Menschen, die einem begegnen genauer zu betrachten und das, was sie für uns tun oder auslösen wertzuschätzen. Was meint ihr?
8 Kommentare
  1. Schöne Worte, da geht mir das Herz auf. Für mich ist und bleibt (neben meiner unglaublich wundervollen Mama) meine Oma das weibliche Vorbild schlechthin. Obwohl - oder gerade weil - mein Opa sehr jung starb und sie drei Kinder allein großziehen müsste, ist sie unglaublich stark und voller Liebe 💟

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ich danke dir so sehr - auch für das liebe Kommentar unter dem letzten Post, der mich sehr zum nachdenken gebrahct hat. Wo soll ich dir denn am besten schreiben, wenn ich dir auf Kommentare antworten möchte? Hier oder ruhig auf dem still gelegten Blog? Und wie schön, dass deine Oma so ein Vorbild für dich ist - ich habe zu meiner Oma väterlicherseits auch ein ganz ganz tolles Verhältnis. (: Ich hab das eben getippt und gedacht, ob meine Kinder später beides Mal mütterlicherseits schreiben und wie sie dann die Omas unterscheiden, wenn sie berichten, welche Mutter gemeint ist. :D hihihi-

      Löschen
    2. Ich habe jetzt erst deine Antwort gelesen 😀 allerdings schaue ich nur selten ob es was neues auf dem Blog von mir gibt, also schreibe ruhig hier, dann finde ich die Antworten 😊
      Zur Unterscheidung von den Großmüttern: eine ist Oma, eine Omi ❤

      Löschen
  2. So ein rührender Text und ein riesiges Kompliment an alle die wunderbaren Menschen, die du darin erwähnst :)
    Und du hast absolut recht - das Innehalten und Wertschätzen der wichtigen Personen im eigenen Leben ist wirklich wunderbar und kommt vermutlich viel zu kurz. Vor allem, weil die Anerkennung, die man den betreffenden Personen damit zollt, diesen sicherlich sehr sehr viel bedeutet.

    Aber es ist auch etwas besonderes, das dich diese Begegnungen von vor (mehr oder weniger) langer Zeit so geprägt und nachhaltig beeinflusst haben. Das zeigt doch auch immer wieder, wie viel solche Zufallsbegegnungen ausmachen können.

    Alles Liebe ♥
    MelMel

    AntwortenLöschen
  3. Was für ein schöner Post! Das hast du wirklich toll geschrieben,
    bin ganz gerührt. :)
    Was die ersten zwei Frauen angeht, finde ich es faszinierend, was sich
    der Kopf unbewusst so alles merken kann. Wie gesagt, du hast das echt schön beschrieben; wie zwei kleine Geschichten!
    Und die erste Frau hat wirklich ihre Schildkröte mit in den Park genommen?
    Einer Freundin von mir ist ihre Schildkröte doch tatsächlich mal aus dem Garten abgehauen und wahrscheinlich ins Feld gelaufen ...
    die haben sie leider auch nicht wiedergefunden.

    AntwortenLöschen
  4. Oh ich glaube meinen Kommentar hats nicht genommen...

    Wow Lisa! Super schön geschrieben!
    Du magst Schildkröten auch so gerne? Ich liebe sie ja und will unbedingt später auch wieder welche, wenn wir ein Haus mit Garten haben. Denn ich bin ja mit einer aufgewachsen und sie ist vor 5 Jahren gestorben :(

    Voll süß, wie du deine weibliche Familie beschreibst. Deine unterschiedlichen Omis, die aber eines gemeinsam haben: Sie lieben dich und haben beide ihre tollen Eigenschaften! Find ich auch cool, dass du mit deiner Freundin (bald Frau ;)) im Haus deiner Oma wohnst.
    Meine eine Oma wohnt leider etwas weiter weg und wir sehen uns nicht allzu oft und dann ist sie auch noch alleine... Aber umziehen will sie momentan noch nicht... Und meine andere Omi ist jetzt 90 1/2 Jahre alt, sie wird immer weniger, aber mein Opi kümmert sich rührend um sie und auch meine Eltern und ich unterstützen die beiden (wohnen im Nebenort).
    Ein gutes Verhältnis zur Mama ist auch immer sehr wichtig und habe ich ebenfalls :)

    AntwortenLöschen
  5. Liebe Clara,
    ein wirklich schöner und liebevoll geschriebener Text!
    Da fällt mir auf, dass ich mich noch nie so intensiv mit ähnlichen Gedanken befasst habe.
    Bei der "Frau aus dem Park" musste ich wirklich ein bisschen schmunzeln. Dass jemand seine Schildkröte in den Park ausführt ist einfach eine witzige Vorstellung. :)

    ❤ , Sabrina

    AntwortenLöschen
  6. Liebste Clara, das hast du so wundervoll geschrieben! Danke :) Und bitte ganz viel mehr solcher Geschichten aus dem Leben!

    AntwortenLöschen