22 Oktober 2016

Warum ich nicht heirate. Und warum doch.

Schon immer war für mich klar, dass ich mal heiraten will. Ich habe ein wunderbares Beispiel Zuhause, eine Mama und einen Papa, die zusammen sind, seit sie 14 und 16 sind. Die lieben sich bis heute, haben letztes Jahr Silberhochzeit gefeiert und waren mir schon immer ein Vorbild. Ich wurde älter und sah lange nicht, dass mein größtes Glück ziemlich genau vor meinen Füßen liegt, dass ich dieses Glück manchmal mit Füßen getreten habe und es fast zerbrach, bis mir klar wurde, was ich möchte. Seit einigen Jahren habe ich keinen Zweifel mehr daran, dass die Liebe, die ich habe, die größte ist, die ich mir wünschen könnte und das ist, das ich festhalten möchte. Im Blick auf gemeinsame Freunde stelle ich fest: Sie haben die gleichen komischen Sorgen, die selben Streitgespräche wie wir und ähnliche Wünsche und Hoffnungen für die Zukunft. Und das ist der Grund, wieso ich vor zwei Monaten "Ja" gesagt habe, zu dem Menschen, den ich schon so lange und so sehr liebe. Wir gehen seit fast zehn Jahren gemeinsam durchs Leben, seit viereinhalb Jahren fest und noch gar nicht so lange so richtig offiziell. Wir haben auch Zeiten von Zweifeln und Ängsten hinter uns, in denen niemand von uns wusste; Momente, in denen wir uns fragten, ob das alles überhautp klappt, ob wir allen Dingen, die uns bevorstehen werden, gewachsen sind. Und heute? Wir leben zusammen, wir haben glückliche und auch stressige Zeiten, wir teilen unser Glück und unser Pech, haben ein fantastisches soziales Netz, viele gemeinsame Pläne für die Zukunft und blicken in die gleiche Richtung. Und das ist der Grund, warum ich im Sommer des nächsten Jahres heirate.
Der Grund, warum ich nicht heirate ist die Rechtssprechung des Landes, in dem wir leben. Denn noch immer gibt es einen Unterschied zwischen "Heirat" und einer "eingetragenen Lebens-partnerschaft", den man in einigen Dingen besonders merkt. Besonders die fehlende Verankerung im Grundgesetz, es gibt also keinen verfassungsrechtlichen Schutz, denn ohne diesen könnte im schlimmsten Fall irgendwann entschieden werden, dass es "das jezt nicht mehr gibt" und dann wäre das im Gegensatz zur Ehe eben nicht mehr möglich. Ein weiterer Punkt ist das eingeschränkte Adoptionsrecht. Für gleichgeschlechtliche Paare ist es nahezu unmöglich gemeinsam ein Kind zu adoptieren. Es wäre möglich, dass man sich als "Einzelperson" zu einer Adoption bewirbt, die Chancen da sind aber eher gering. Wenn man adoptiert, können allerdings auch beide Eltern sein, auch hier geht die Adoption aber auch, wie im Fall, den ich euch gleich erkläre, nur nacheinander. Wenn nämlich eine von uns durch eine von etlichen Möglichkeiten, schwanger wird, muss außerdem die andere erst nach der Geburt des Kindes die "Stiefkindadoption" beantragen. Im Gegensatz zu heterosexuellen Paaren, die vor der Geburt die Vaterschaft eintragen lassen können, ist das hier nicht möglich, die Adoption findet nach der Geburt statt und kann bis zu einem Jahr dauern. Auch hier wieder das Szenario: Im Falle des Todes der leiblichen Mutter hat die (vorsicht, ein komisches Wort folgt) Co-Mutter, also die, die das Kind nicht ausgetragen ist, erstmal offiziell keine Rechte. Im Grunde genommen ist alles furchtbar kompliziert und leider heute noch immer nicht als "normal" angesehen.

Alles in allem möchten wir diesen Schritt jetzt gehen, obwohl wir lange davon sprachen, dass es am schönsten wäre es erst zu tun, wenn die Gleichstellung zu 100% erreicht ist. Ich hoffe und kämpfe weiterhin mit vielen anderen tollen Menschen dafür, dass es irgendwann soweit ist und bis dahin?

Denn das ist so so so viel, das zählt!
Ein paar Fakten zur eingetragenen Lebensparnerschaft gibt es hier nochmal zum Nachlesen.
Was ist neu für euch? Was sind eure Gedanken?
Alles alles Liebe, eure Clara
4 Kommentare
  1. Ich finde es einfach bemerkenswert und auch total schön, dass ihr diesen Schritt wagt und euch da nicht von den Ungerechtigkeiten in unserem Land stoppen lasst. Ich finde es wirklich erschreckend, dass man es bis in die heutige Zeit noch nicht geschafft hat, die Gleichstellung zu 100 % zu erreichen, wo wir doch alle viel toleranter, sozialer und freier sind als in früheren Zeiten.
    Es soll doch einfach nur jeder lieben, wen und was er möchte und dafür nicht noch 'bestraft' werden, ganz im Gegenteil, gerade gleichgeschlechtliche Ehen sollten noch gefördert werden, da viele Menschen darüber noch gar nicht genug wissen um sich ein Urteil zu bilden. Sie denken dann nur mit der Mehrheit und finden es 'komisch' und schauen nicht über den Tellerrand hinaus. Ich hoffe du verstehst, wie ich das meine!

    Die Ziele und die Wertschätzung in einer gleichgeschlechtlichen Beziehung sind nun auch komplett dieselben und nur weil man so liebt ändern sich die Menschen dahinter nicht und bleiben auch wie sie sind. Ich glaube das vergessen viele.

    Ihr werdet euren Weg auf jeden Fall gehen und ich hoffe, dass die restlichen Steine auf diesem Weg irgendwann komplett ausgeräumt sind, sei es für euch oder die vielen anderen gleichgeschlechtlichen Beziehungen die dahinter gehen!

    Ich freue mich auf die nächste Zeit und bin gespannt auf euren Tag.

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  2. Hallo Clara,
    ein schöner Beitrag von dir. Meine Frau und ich haben eine ähnlich lange Geschichte, sind 28 und 29, seit 12 Jahren ein Paar und haben uns vor 4 Wochen auf Rügen das Ja-Wort gegeben. Was mich sehr erstaunt hat: so viele von unseren Gästen, Freunde wie Familie, waren überrascht, dass es nicht Ehe sondern “Eingetragene Lebenspartnerschaft“ heißt. Es zeigt für mich, dass es in vielen Köpfen unserer Gesellschaft als normal angesehen wird, wenn gleichgeschlechtliche Paare heiraten, dass sie gar nicht darüber nachdenken ob es überhaupt etwas anderes als eine Ehe sein kann. Denn wenn man mal ehrlich ist, worin genau liegt denn schon der Unterschied? Das meiner Meinung nach gefährliche daran ist, dass vielen die Diskriminierung, die wir als gleichgeschlechtliche Paare, sozusagen als “Eheleute zweiter Klasse“ erfahren, nicht bewusst ist. Alles in allem, es ist ein ganz wunderbarer Schritt, den wir gegangen sind und den auch ihr gehen werdet. Wir als Community müssen einfach weiter aufklären und für unsere Rechte kämpfen! Denn Liebe ist immerhin Liebe und was gibt es Schöneres im Leben?

    Liebe Grüße, Bea

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  3. Ein schöner Beitrag, ich wünsche Euch alles Liebe und Gute für die Zukunft! ;) Sind das da oben bereits Eure Karten? Die Idee mit der Unterkunft finde ich klasse, heiratet ihr in Braunschweig? Da gibts ja jetzt einige neue Hotels :D
    Liebe Grüße
    Franzi

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  4. Das freut mich so, dass ihr heiratet! Und ich finde es unfassbar, dass man im Jahr 2016 immer noch nicht soweit ist und es doch scheiß egal ist, wen man liebt, hauptsache es beruht auf Gegenseitigkeit und behandelt sich mit Respekt :) Aber hoffentlich sind bald die ganzen alten Konservativen "ausgestorben"...

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